„Früher war alles besser" !?

Zehntklässler auf Spurensuche zur DDR-Geschichte

Gemeinhin gilt Geschichte als die Zeit, die längst vergangen ist und mit welcher

wir heute lebenden Menschen nichts mehr zu tun haben. Denkt man an die

Vergangenheit zurück, so erscheint sie oft nostalgisch verklärt als eine schöne

Zeit, in der doch alles besser war als in der Gegenwart. Dass Geschichte jedoch

unser heutiges Leben beeinflusst, das haben die Zehntklässler der Staatlichen

Regelschule „Friedrich Schiller“ aus Rudolstadt in einer einwöchigen Projektwoche

gelernt. „Wider das Vergessen“ – so der Titel einer fünftägigen Spurensuche zur

Geschichte der DDR, in welcher die Schülerinnen und Schüler mit

unterschiedlichen Facetten der Lebenswelt ihrer Großeltern und Eltern

konfrontiert wurden. Auch nach knapp 30 Jahren Wiedervereinigung ist die

Thematik um die deutsch-deutsche Geschichte, inklusive des Kalten Krieges, nicht

abgeschlossen.

Die Fachlehrerinnen und Fachlehrer für das Fach Geschichte organisierten zum

wiederholten Male eine Projektwoche zum Anfassen, Erleben und Erforschen. Im

Vordergrund stand nicht das Kennenlernen des Lebens im geteilten Deutschland

durch vorgefertigte Lehrbuchtexte, sondern das Aufwerfen von Fragen und

Kontroversen, die mithilfe originaler Quellen eine Antwort finden sollten. Zur

Seite standen den Lehrenden und Lernenden kompetente Partner wie Dr. Matthias

Wanitschke, Landesbeauftragter des Freistaates Thüringen zur Aufarbeitung der

SED-Diktatur, sowie der mit seinem Team aus Berlin angereiste DDR-

Bürgerrechtler und heutiger Geschäftsführer des Stasi-Museums in Berlin Jörg

Drieselmann.

Neben einem interaktiven Besuch der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt

sowie dem Deutsch-Deutschen Grenzmuseum Mödlareuth, erhielten die

Jugendlichen intensive Einblicke in Stasi-Akten und den Einfluss jenes

Sicherheitsorgans auf das alltägliche Leben der Menschen in der DDR. Darüber

hinaus bot ein Planspiel die Möglichkeit mithilfe verschiedener Rollen das

Funktionieren der Staatssicherheit ansatzweise nachzuempfinden. Den Abschluss

der Projektwoche bildete ein Zeitzeugengespräch mit Jörg Drieselmann, der den

neugierigen Schülerinnen und Schülern jede Frage ausführlich beantwortete.

Am Ende zogen alle Jugendlichen das Fazit, dass diese fünf Tage das Wissen um

die Geschichte der DDR vertieft, aber auch neue und bisher unbekannte Aspekte

zum Vorschein gebracht habe. Eine Weiterführung des Projektes für kommende

Zehntklässler wurde befürwortet. Überdies hoben viele der Lernenden die

abwechslungsreichen Zugangsweisen zu historischem Wissen hervor, die im

normalen Unterricht kaum möglich sind.Nur sehr wenige Schulen in der Bundesrepublik Deutschland führen dieses Projekt

durch. Dabei bietet es ein hohes Potential für das Verstehen von Handlungsweisen

von Menschen in ihren unterschiedlichen sozialen und kulturellen

Lebenskontexten. Nicht nur das Erkennen, dass es nicht die eine Geschichte der

DDR, sondern viele einzelne Geschichten gibt, war ein Gewinn der Projektwoche.

Überdies rückte auch eine größere Wertschätzung unserer freiheitlich-

demokratischen Grundordnung, die nicht selbstverständlich ist, ins Bewusstsein

vieler Jugendlicher. Damit kann und soll sich jeder mit seinem erworbenen Wissen

selbst die Frage beantworten, ob denn früher tatsächlich alles besser war.

B.Weise/D.Meyer